19.02.2026

Teil 2: Prostatabiopsie neu betrachtet: Evidenz, Praxis und Perspektiven

Prostatabiopsie neu betrachtet: Evidenz, Praxis & Perspektiven

Teil 2: Transperineale Prostatabiopsie: Was sagt die aktuelle Studienlage? Von der Diskussion zur belastbaren Evidenz

Nachdem im ersten Teil dieser Wissensserie die Gründe für die zunehmende Diskussion um etablierte Biopsieverfahren dargestellt wurden, richtet sich der Blick nun auf die wissenschaftliche Datenlage. Die zentrale Frage lautet dabei nicht, ob ein Verfahren „besser“ ist, sondern welche Effekte in Studien beobachtet werden, wie belastbar diese sind und wie sie klinisch einzuordnen sind. Gerade bei diagnostischen Verfahren ist eine differenzierte Betrachtung notwendig, da Sicherheit, Aussagekraft und Praktikabilität gleichermaßen relevant sind. In den vergangenen Jahren wurde die transperineale Prostatabiopsie (TP) vermehrt Gegenstand systematischer Untersuchungen und Metaanalysen.

Infektiöse Komplikationen: ein zentraler Untersuchungsfokus

Ein wesentlicher Schwerpunkt der Studienlage liegt auf dem Risiko infektiöser Komplikationen nach Prostatabiopsie. Hintergrund ist die bekannte Problematik der transrektalen Biopsie, bei der die Biopsienadel die rektale Schleimhaut und deren bakterielle Flora passiert. Internationale Studien berichten für die transrektale Biopsie über relevante Raten von:

  • postinterventionellen Infektionen
  • Fieber
  • Harnwegsinfektionen
  • Sepsis¹

Diese Komplikationen sind insgesamt selten, haben jedoch aufgrund ihrer potenziellen Schwere eine hohe klinische Relevanz – insbesondere bei elektiven diagnostischen Eingriffen.

Studienlage zur transperinealen Biopsie

Mehrere klinische Studien berichten für die transperineale Biopsie über deutlich geringere Infektionsraten, teilweise im Bereich von 0–1 %². Dieser Effekt wird in der Literatur vor allem auf den fehlenden Kontakt mit der rektalen Flora zurückgeführt. Eine häufig zitierte Metaanalyse aus dem Jahr 2020 untersuchte 16.941 Patienten aus 90 randomisierten kontrollierten Studien und zeigte signifikant reduzierte infektiöse Komplikationen bei transperinealem Vorgehen im Vergleich zur transrektalen Biopsie³. Berücksichtigt wurden dabei unter anderem:

  • Sepsis
  • Fieber
  • symptomatische Harnwegsinfektionen

Wichtig ist hierbei die Einordnung: Die Metaanalyse beschreibt relative Risikoreduktionen, nicht das vollständige Ausbleiben von Komplikationen. Dennoch liefert sie einen starken Hinweis auf ein verändertes Risikoprofil.

Antibiotikaprophylaxe und Stewardship-Aspekte

Ein weiterer Aspekt, der in der Literatur zunehmend diskutiert wird, ist der Zusammenhang zwischen Biopsieverfahren und Antibiotikaprophylaxe. Während bei transrektalen Biopsien häufig eine mehrtägige oder erweiterte Prophylaxe eingesetzt wird, berichten Studien zur transperinealen Biopsie über die Möglichkeit reduzierter oder teilweise verzichtbarer Antibiotikaregime⁴. Dieser Punkt ist insbesondere vor dem Hintergrund von Antibiotic Stewardship Programmen relevant. Die Studienlage liefert hier keine pauschalen Empfehlungen, zeigt jedoch, dass das Biopsieverfahren Einfluss auf prophylaktische Strategien haben kann.

Detektionsraten und anatomische Erreichbarkeit

Neben der Sicherheit wird die diagnostische Aussagekraft der transperinealen Biopsie intensiv untersucht. Mehrere Arbeiten beschreiben eine verbesserte Erreichbarkeit bestimmter Prostataareale, insbesondere der anterioren Zone, die transrektal nur eingeschränkt zugänglich ist⁵. In Studien mit biopsienaiven Patienten wurde berichtet, dass ein relevanter Anteil anterior gelegener Läsionen bei transrektalem Vorgehen nicht detektiert wurde⁶. Die transperineale Technik wird daher als potenziell geeigneter Zugang für eine vollständigere Abbildung der Prostata diskutiert.

Klinische Bedeutung der Detektionsunterschiede

Ein zentraler Punkt in der Interpretation dieser Ergebnisse ist die Frage nach der klinischen Relevanz. Studien zeigen, dass die transperineale Biopsie häufiger zur Detektion klinisch signifikanter Prostatakarzinome führen kann⁷. In der Literatur wird dies nicht primär als Überdiagnostik bewertet, sondern als Folge einer verbesserten Gewebeentnahme aus bislang unterrepräsentierten Arealen. Gleichzeitig wird betont, dass Detektionsraten stets im Zusammenhang mit Bildgebung, Indikationsstellung und Patientenselektion betrachtet werden müssen.

Internationale Entwicklungen als Spiegel der Evidenz

Die zunehmende Evidenz zur transperinealen Biopsie spiegelt sich auch in strukturellen Veränderungen der Versorgung wider. In mehreren Ländern – unter anderem im Vereinigten Königreich – wurden Programme initiiert, um den transperinealen Zugang stärker in die klinische Routine zu integrieren⁸. Diese Entwicklungen sind weniger als direkte Leitlinienvorgaben zu verstehen, sondern als praxisnahe Reaktion auf wachsende Evidenz und Versorgungsanforderungen.

Einordnung statt Empfehlung

Trotz der positiven Ergebnisse betont die Fachliteratur, dass die transperineale Prostatabiopsie kein universelles Verfahren für jede klinische Situation darstellt. Vielmehr wird eine individuelle Auswahl des Biopsieverfahrens empfohlen, unter Berücksichtigung von:

  • Patientenprofil
  • klinischer Fragestellung
  • organisatorischen Rahmenbedingungen

Die Studienlage liefert hierfür eine fundierte Grundlage, ersetzt jedoch nicht die ärztliche Einzelfallentscheidung.

Quellen

  1. Alidjanov J.F. et al. (2021). The negative aftermath of prostate biopsy. World Journal of Urology.
  2. Xiang J. et al. (2022). Comparing outcomes of transperineal to transrectal prostate biopsies. PubMed.
  3. Pradere B. et al. (2021). Nonantibiotic strategies for the prevention of infectious complications. The Journal of Urology.
  4. Cai T. et al. (2017). Antibiotic prophylaxis in prostate biopsy. European Urology.
  5. Das C.J. et al. (2019). Prostate biopsy: when and how to perform. Clinical Radiology.
  6. Schouten M.G. et al. (2017). Why do we miss significant prostate cancer? European Urology.
  7. Pokorny M. et al. (2014). Prospective study of cancer detection rates. BJU International.
  8. NHS England. TREXIT Initiative – Transperineal prostate biopsies under local anaesthetic.