11.02.2026

Prostatabiopsie neu betrachtet: Evidenz, Praxis und Perspektiven

Prostatabiopsie neu betrachtet: Evidenz, Praxis & Perspektiven

Teil 1: Prostatabiopsie im Wandel: Warum die Methode zunehmend diskutiert wird

Früherkennung ist kein triviales Thema. Prostatakrebs zählt weiterhin zu den häufigsten malignen Erkrankungen bei Männern. Nach Angaben der American Cancer Society gehört er zu den am häufigsten diagnostizierten Tumorerkrankungen in der männlichen Bevölkerung und bleibt trotz moderner Therapieoptionen eine relevante Ursache für Morbidität und Mortalität¹. Für die klinische Praxis bedeutet das: Früherkennung ist essenziell, gleichzeitig sind diagnostische Maßnahmen immer auch mit Risiken, Unsicherheiten und Folgeentscheidungen verbunden. Die Prostatabiopsie nimmt in diesem Spannungsfeld seit Jahrzehnten eine zentrale Rolle ein. Insbesondere die transrektale ultraschallgestützte Biopsie (TRUS) hat sich historisch als Standardverfahren etabliert. Sie ist breit verfügbar, gut bekannt und in vielen Einrichtungen fester Bestandteil routinierter Abläufe². Doch wie bei vielen langjährig eingesetzten Verfahren stellt sich zunehmend die Frage, ob Routine allein ein ausreichendes Qualitätskriterium ist.

Etablierte Verfahren unter veränderten Rahmenbedingungen

Medizinische Verfahren entstehen immer im Kontext ihrer Zeit. Die transrektale Prostatabiopsie wurde in einer Phase etabliert, in der Aspekte wie Antibiotikaresistenzen, strukturierte Infektionssurveillance oder qualitätsgesicherte Outcome-Analysen eine geringere Rolle spielten als heute. Mit veränderten epidemiologischen und regulatorischen Rahmenbedingungen geraten solche Verfahren zwangsläufig erneut in den Fokus. Dies bedeutet nicht, dass sie grundsätzlich ungeeignet sind – wohl aber, dass ihre Risiken, Grenzen und Alternativen neu bewertet werden müssen.

Die transrektale Biopsie: bewährt, aber nicht ohne Schattenseiten

In der wissenschaftlichen Literatur werden mehrere Aspekte der transrektalen Prostatabiopsie kritisch diskutiert. Dazu zählen insbesondere:

  • infektiöse Komplikationen trotz Antibiotikaprophylaxe
  • zunehmende Bedeutung antibiotikaresistenter Erreger
  • relevante Sepsisraten nach dem Eingriff

Eine internationale Prävalenzstudie über Infektionen in der Urologie beschreibt Infektionsraten im Bereich von etwa 5–7 %, wobei ein Teil der Patienten eine stationäre Behandlung benötigt³. Auch wenn schwere Verläufe insgesamt selten sind, ist ihre klinische Bedeutung nicht zu unterschätzen – insbesondere vor dem Hintergrund, dass es sich um einen elektiven diagnostischen Eingriff handelt. Diese Diskrepanz zwischen diagnostischem Nutzen und potenziellen Komplikationen ist einer der Gründe, warum die transrektale Biopsie zunehmend Gegenstand kritischer Diskussionen ist.

Diagnostische Limitationen bestimmter Prostataareale

Neben infektiologischen Fragestellungen rückt auch die diagnostische Abdeckung der Prostata stärker in den Fokus. Mehrere Studien weisen darauf hin, dass bestimmte anatomische Regionen – insbesondere die anteriore Prostata, laterale Areale und der Apex – transrektal schwieriger zu erreichen sind⁴. In diesem Zusammenhang wird beschrieben, dass anterior gelegene Tumoren bei transrektalen Biopsien nicht immer zuverlässig erfasst werden⁵. Da diese Tumoren einen relevanten Anteil aller Prostatakarzinome ausmachen, hat diese Limitation unmittelbare Auswirkungen auf die diagnostische Sicherheit. Für die klinische Praxis bedeutet dies nicht zwangsläufig ein Versagen der Methode, wohl aber eine systemische Einschränkung, die bei der Wahl des diagnostischen Vorgehens berücksichtigt werden sollte.

Wenn Routine auf neue Anforderungen trifft

Parallel zur Diskussion um diagnostische Genauigkeit haben sich die Anforderungen an Patientensicherheit und Qualitätsmanagement deutlich verändert. Infektionsprävention, Antibiotic Stewardship und die Vermeidung vermeidbarer Krankenhausaufenthalte sind heute fester Bestandteil moderner Versorgungskonzepte. Vor diesem Hintergrund wird die transrektale Prostatabiopsie in Fachkreisen zunehmend im Sinne einer Risiko-Nutzen-Neubewertung betrachtet. Ziel ist dabei nicht die pauschale Ablösung bestehender Verfahren, sondern eine differenzierte Betrachtung unter Berücksichtigung aktueller Datenlagen.

Warum Alternativen stärker in den Fokus rücken

Die verstärkte Auseinandersetzung mit alternativen Zugangswegen zur Prostatabiopsie ist das Ergebnis mehrerer paralleler Entwicklungen:

  • verbesserte bildgebende Verfahren
  • wachsende Evidenz aus randomisierten Studien
  • zunehmende Sensibilisierung für vermeidbare Risiken
  • nationale und internationale Initiativen zur Infektionsreduktion

In diesem Kontext rückt die transperineale Prostatabiopsie erneut in den Fokus der wissenschaftlichen Diskussion⁶. Dabei geht es weniger um einen abrupten Paradigmenwechsel, sondern um eine schrittweise Weiterentwicklung diagnostischer Konzepte.

Quellen

1. American Cancer Society. Key Statistics for Prostate Cancer.

2. Schmeusser B. et al. (2022). Hundred years of transperineal prostate biopsy. Therapeutic Advances in Urology.

3. Alidjanov J.F. et al. (2021). Global prevalence study of infections in urology. World Journal of Urology.

4. Das C.J. et al. (2019). Prostate biopsy: when and how to perform. Clinical Radiology.

5. Schouten M.G. et al. (2017). Why do we miss significant prostate cancer? European Urology.

6. NHS England. TREXIT Initiative – Transperineal prostate biopsies under local anaesthetic.