Teil 2 – Die TRBA 250: Zwischen Theorie und Türgriff – Wie Schutzmaßnahmen im Alltag wirklich funktionieren
Wer Teil 1 gelesen hat, hat verstanden, für wen die TRBA 250 gilt und warum niemand in medizinischen Einrichtungen an ihr vorbeikommt. In Teil 2 steigen wir nun in den echten Alltag ein. Denn die TRBA 250 ist kein theoretischer Leitfaden, den man in den Schrank legt – sie wirkt im gleichen Moment, in dem jemand eine Tür öffnet, eine Sonde ablegt oder eine Kanüle benutzt. Und genau dort wollen wir hinschauen: Wie funktionieren die Schutzmaßnahmen wirklich im Tagesgeschäft?
Der Grundgedanke: Erst denken, dann ausstatten
Die TRBA 250 folgt einer klaren Logik: erst technische Maßnahmen prüfen, dann organisatorische, und erst am Ende PSA einsetzen. In der Praxis sieht das aber oft anders aus: Ein Patient hustet – und sofort greifen alle zur FFP2. Doch bevor man zum Maskenstapel rennt, muss die Frage erlaubt sein: Ist der Raum gut lüftbar? Gibt es getrennte Wartebereiche? Steht die Händedesinfektion tatsächlich direkt am Eingang – oder irgendwo hinter dem Tresen, wo sie nur theoretisch vorhanden ist? Es geht nicht darum, übervorsichtig zu sein, sondern ums richtige Priorisieren. Wer die logische Reihenfolge versteht, spart nicht nur PSA, sondern auch Nerven und Diskussionen.
Technische Schutzmaßnahmen – der Teil, den man sofort spürt
Gerade in kleinen oder gewachsenen Strukturen zeigt sich schnell, wie technisch es die TRBA 250 meint. Nimm die Aufbereitung: Ein zu kleines Spülbecken oder ein schlecht positionierter Abwurfbehälter ist kein „organisatorisches Problem“, sondern ein technisches. Wer schon einmal im engen Ultraschallraum mit der Sonde Richtung Türrahmen jongliert hat, weiß: Das ist ein Unfall, der geduldig darauf wartet, zu passieren. Auch bei der Entsorgung zeigt sich die TRBA 250 von ihrer praktischen Seite. Ein Abwurfbehälter hat standfest zu sein – nicht „irgendwo“ auf dem Wagen, der beim Herein- und Herausfahren beinahe immer anstößt. Und die Sache mit der Lüftung? Ein Fenster allein macht noch kein Lüftungskonzept. Die TRBA verlangt keine Hightech-Anlage, aber eine klare Regel: Wie wird gelüftet, durch wen, wie oft, und in welchen Situationen?
Gerade in engen Untersuchungszimmern ist das mehr wert als jede Spritzschutzwand.
Organisation – der Bereich, in dem man den Alltag wirklich gewinnen kann
Während technische Maßnahmen oft sofort sichtbar sind, entscheidet die Organisation meist darüber, ob Abläufe sicher funktionieren. Ein Klassiker: Arbeitsanweisungen, die zwar existieren, aber nicht dort sind, wo sie gebraucht werden. Wenn Mitarbeitende in der Aufbereitung erst suchen müssen, wie der validierte Ablauf eigentlich lautet, ist das ein organisatorisches Problem – und ein klarer Verstoß gegen die Idee der TRBA 250, die eben alltagsgerechte Strukturen fordert. Auch die Zonierung ist ein Thema, das fast jede Einrichtung kennt. Rein und unrein sind theoretisch klar, aber praktisch fehlt oft eine sichtbare Markierung. Das führt dazu, dass neue Kolleginnen und Kollegen frisch desinfizierte Instrumente im falschen Bereich abstellen – ohne böse Absicht, einfach weil die Orientierung fehlt. Hier zeigt sich, wie viel Sicherheit man mit einfachen, klaren Strukturen gewinnen kann. Und Unterweisungen? Die TRBA verlangt regelmäßige, verständliche, praxisnahe Unterweisungen – nicht das berüchtigte „Jeder hat die PowerPoint im Mailverteiler bekommen, das reicht“. Unterweisung ist Kommunikation, nicht Verwaltung: Sie muss dort stattfinden, wo die Arbeit passiert, und nicht in einem Raum, der mit der Realität wenig zu tun hat.
PSA – wichtig, aber niemals der Startpunkt
Dass PSA wichtig ist, weiß jeder. Doch die Wirksamkeit hängt im Alltag nicht vom Inhalt des Schranks ab, sondern davon, ob die PSA tatsächlich griffbereit ist – in der richtigen Größe und am richtigen Ort. Es bringt wenig, wenn Schutzbrillen theoretisch vorhanden, aber praktisch „irgendwo im Schrank“ sind – oder Handschuhe in genau der Größe fehlen, die jeder braucht. In vielen Einrichtungen liegt PSA zentral im Lager, aber der Anwendungsort ist ganz woanders. In der Aufbereitung oder beim Legen eines Gefäßzugangs bleibt schlicht keine Zeit, erst durch die Räume zu laufen. Diese Lücke ist kein menschliches Versagen, sondern ein strukturelles – und genau solche Situationen will die TRBA 250 vermeiden.
Tätigkeitsspezifische Abläufe – dort, wo die TRBA 250 wirklich lebt
Hier wird es greifbar: Die TRBA 250 entfaltet ihren größten Nutzen, wenn sie in den kleinen, alltäglichen Handlungen verankert ist. Beim Umgang mit Kanülen entscheidet Zentimeterarbeit:
Steht der Abwurfbehälter direkt am Platz oder einen Meter entfernt? Jede Strecke, die jemand mit einer benutzten Kanüle in der Hand zurücklegt, erhöht das Risiko – und genau hier packt die TRBA an. Beim Ultraschall mit endokavitärer Sonde ist die wichtigste Regel: Sofortige Wischdesinfektion direkt am Untersuchungsort. Kein „Ich lege sie kurz hier hin“, kein Wandern durch die Praxis. Eine einfache Maßnahme – aber der Unterschied zwischen sicher und riskant. Auch bei der Raumreinigung zeigt sich der TRBA-Alltag: Wenn Farben und Tücher nicht sauber getrennt sind, dann ist das nicht nur ein kleines Versäumnis, sondern eine massive Kreuzkontaminationsgefahr. Wer hier sauber trennt, hat die TRBA 250 praktisch vollständig verstanden, auch ohne eine Zeile daraus zu zitieren.
Schulungen – der TRBA-250-Moment, der wirklich hängenbleibt
Die TRBA 250 formuliert sehr klar, dass Unterweisungen tätigkeitsbezogen, wiederholend und verständlich sein müssen. Das klingt bürokratisch, ist aber im Alltag ganz simpel: kurze, konkrete Einheiten, direkt am Arbeitsplatz. 10 Minuten zur sicheren Kanülenentsorgung in der Frühbesprechung. 5 Minuten direkt am Gerät, wenn jemand neu ins Team kommt. Eine Wiederholung, wenn es zu einem Fehlverhalten kam – nicht als Schuldzuweisung, sondern als gemeinsamer Lernmoment. So wird die TRBA 250 nicht als Pflicht, sondern als Unterstützung wahrgenommen.
Dokumentation – unbeliebt, aber im Ernstfall die Rettung
Auch wenn niemand Dokumentation liebt: Ohne sie ist die Einhaltung der TRBA 250 nicht nachweisbar. Unterweisungslisten müssen auffindbar sein – nicht in irgendeinem Ordner im Chefbüro.
Gefährdungsbeurteilungen sollten nicht aus Zeiten stammen, in denen Geräte existierten, die heute gar nicht mehr im Haus sind. Betriebsanweisungen gehören dahin, wo gearbeitet wird – sichtbar, griffbereit, verständlich. Wer diese Basis sauber pflegt, hat im Prüf- oder Begehungsfall keine Stressmomente mehr. Die TRBA 250 wirkt hier wie ein Sicherheitsnetz: gut gepflegt, merkt man im Alltag kaum, wie viel sie abfängt.
Fazit: TRBA 250 ist keine Theorie – sie ist gelebter Alltag
Die TRBA 250 zeigt ihre Stärke überall dort, wo Menschen täglich potenziell riskante Tätigkeiten ausführen: bei der Behandlung, bei der Aufbereitung, bei der Reinigung, bei der Entsorgung. Wenn technische Voraussetzungen stimmen, Abläufe klar sind, PSA verfügbar ist und Schulungen regelmäßig stattfinden, entsteht genau das, was die TRBA beabsichtigt: Sicherheit ohne Kompliziertheit.